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Die TIWAG sitzt einem wissenschaftlichen Hochstapler auf!

Der geplante TIWAG-Speicher im Taschachtal ist illegal. Der gesetzlich festgeschriebene Schutz der Moränen lässt diese – wie es im Gesetz heisst – „nachhaltige Beeinträchtigung“ im Gletschervorfeld nicht zu. Nach Vorliegen einer entsprechenden (vernichtenden) Expertise des Gletscherforschers Gernot Patzelt hat die TIWAG nun um viel Geld bei einem Ingenieurbüro (!) ein Gegengutachten in Auftrag gegeben und ist dabei offenbar an einen in der Sache völlig unkundigen Scharlatan geraten.

Vorgeschichte:
Das hintere Taschachtal, das die TIWAG fluten möchte, liegt zu einem großen Teil in der gesetzlich geschützten Tabu-Zone eines Gletschervorfeldes. Die zuständige Naturschutz-Landesrätin Anna Hosp selbst hat den Antrag zu dieser Novelle des Tiroler Naturschutzgesetzes im Landtag eingebracht und dort am 12. Mai 2004 erklärt: „Der Bereich der Moräne ist einer der wichtigsten Bereiche des Gletschers, weil Beeinflussungen auf diese Moränen nicht wiederherstellbar oder kaum wiederherstellbar sind. Daher haben wir dieser Forderung, die vom Österreichischen Alpenverein erhoben wurde, die Moränen unter gesetzlichen Schutz zu stellen, auch entsprochen.“

Die Landesregierung hat sich damit in Sachen neuer Pumpspeicher im Hochgebirge selbst noch schnell ein Riesen-Ei gelegt. Weil das der Landeshauptmann nicht wahrhaben will, hat er den Hochgebirgsforscher Univ.-Prof. Gernot Patzelt und den Landesgeologen Gunther Heißel gebeten, bei einer Geländebegehung die im Vorfeld des Taschachferners gelegenen Moränen zu überprüfen und kurzfristig eine Sachverhaltsdarstellung abzuliefern. Der gemeinsame Lokalaugenschein, zu dem überraschenderweise auch ein Herr Hofer von der TIWAG und ein Herr Wilhelmy eines Ingenieurbüros Alpecon erschienen waren, fand am 26. Juni 2006 statt. Professor Patzelt, der den Taschachferner auch aus einer mehr als zwanzigjährigen Erfahrung regelmäßiger Gletschermessungen sehr gut kennt, hat seine Sachverhaltsdarstellung (wie versprochen) bereits am 30. Juni 2006 persönlich im Büro des Landeshauptmannes abgegeben, und wie mit Heißel vereinbart, auch diesem noch am selben Tag seine Expertise zugesandt. In ihr ist festgehalten, dass 1250 Meter der Längserstreckung des unter Schutz stehenden Gletschervorfeldes im geplanten Stauraum lägen und damit großflächige Moränengebiete von den geplanten Staumaßnahmen betroffen wären – sogar noch unter Abzug der Schotterflächen der Gletscherbäche „ca. 30 Prozent der Stauseefläche“. Sachverhaltsdarstellung Patzelt (PDF 600kB)

Was dann hinter den Kulissen geschah und was nicht geschah:
Der von uns bezahlte Landesbeamte Heißel, der bei der Begehung noch Patzelts Einschätzung geteilt hatte (wie übrigens auch die beiden anderen Teilnehmer an der Begehung), war zweieinhalb Monate lang nicht in der Lage, eine kurze Beurteilung der Situation im hinteren Taschachtal abzugeben. Gemeinsam mit der TIWAG wurde daher der Plan ausgeheckt, dem Ingenieurbüro Alpecon den offiziellen Auftrag zu einem Gegengutachten zu erteilen. An dieses würde Heißel dann seine Stellungnahme anlehnen können. Dass der ranghöchste Landesgeologe sich bei Moränen nicht auskennt, ist natürlich ein Skandal, dass dann aber auch noch ein gletscherkundlicher Hochstapler um teures Geld dezidiert damit beauftragt wird, Patzelt zu widerlegen, schlägt dem Fass den Boden aus, wenn es denn in dieser unheilvollen TIWAG-Geschichte je einen hatte.

Um den Schein der Seriosität zu wahren, begaben sich Gunther Heißel und sein beigezogener „Experte“ namens Marcus Wilhelmy (im Grunde ein guter Name!) am 17. August noch einmal ins Taschach, denn möglicherweise hatten sich in den vergangenen sieben Wochen gewaltige Veränderungen am zum Teil seit 1855 eisfreien Gletschervorfeld vollzogen! Und wirklich, man glaubt es nicht, die „Fläche möglicher Moräne der überstauten Fläche“ war auf „4,16 Prozent“ geschrumpft. Gutachten Alpecon (PDF 16MB)

In der TIWAG derstess’n sich ja die Gletscherexperten gegenseitig fast. Ich erinnere nur daran, dass der als technischer Koordinator aller vier Kraftwerksprojekte vorgesehene DI Wolfgang Kofler uns gegenüber die Tatsache des rapiden Zurückweichens der Gletscher mit der Bemerkung „die werden ja immer wieder aufgefüllt“ (Vent, 30.9.2005) abgetan hat oder dass Bruno Wallnöfer bis vor kurzem noch ständig von „Muränen“ gesprochen hat, wo Moränen gemeint sein sollten. Da passt - „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte.“ – Marcus Wilhelmy ohne Zweifel gut dazu.




Auch einem Landesgeologen wäre bei Interesse solch hervorragendes Kartenmaterial ohne weiteres zugänglich, das exakt den Gletscherstand im Taschachtal von 1860 zeigt (nach den Aufnahmen von Carl E. von Sonklar).


Der dilletierende Gletscherexperte Wilhelmy kann (Seite 1 seines „Gut“achtens) die Gletschervorstöße nicht datieren, er kann die Seitenmoränen den verschiedenen Gletschervorstößen (1855, 1890, 1927) nicht zuordnen (Seite 3), ja, kann nicht einmal den Endmoränenwall linksufrig eindeutig erkennen, was keinem Tiroler Bergführer eine Schwierigkeit bereiten dürfte.
Gletscherexperte ist Herr Wilhelmy bestenfalls insofern, als er eifrig mit den Pitztaler Gletscherbahnen zusammenarbeitet. Laut Homepage www.alpecon.at handelt es sich bei diesem Auftraggeber (z.B. Beschneiungsanlage Rifflsee) „um einen langjährigen Kunden unseres Büros“.

Hinter einer mehr als geschwollenen Ausdrucksweise versucht der angeheuerte TIWAG-Gutachter seinen eklatanten Mangel an Fachwissen zu verstecken. Statt zu sagen: „Der Grasbewuchs ist auf beiden Talseiten gleich.“ versucht er mit „Die Sukzession der Vegetation ist ... dem Augenschein nach etwa auf beiden Talflanken gleich weit fortgeschritten.“ (Seite 1) zu blenden. Und wenn er besonders gscheit sein will, fährt er, wo er die Sache nicht einmal auf Deutsch verstanden hat, mit Englisch auf: Eine Moräne zeichne aus, dass es dort „no disaggretion“ gebe. Dieses Wort existiert nicht einmal, es müsste, wenn schon, „no disaggregation“ (Zerfall, Auflösung) heißen (Seite 7). Nichts verstanden und dann auch noch schlampig abgeschrieben.

„Experten“, die abschreiben, sollte auch die TIWAG abschreiben.
Das beste kommt noch: Die Hälfte des der TIWAG verkauften Gutachtens (Bildunterschriften nicht mitgerechnet) hat der Herr Wilhelmy ohne Quellenangabe wortwörtlich von A bis Z aus dem Internet abgeschrieben, herauskopiert, gestohlen – wie auch immer. (Ob sich daraus ein strafrechtlich relevanter Tatbestand ergibt, wird sich zeigen.) Und hat sich damit gleich doppelt blamiert. Denn der Artikel, den er von der Homepage der Universität Kiel gefladert hat (www.pz-oekosys.uni-kiel.de/exkurs/doku/meth24-4.htm), bezieht sich auf Phänomene des Festlandeises und ist auf unsere Alpengletscher kaum anwendbar. Damit verrät Wilhelmy, selbst Deutscher, wie wenig gebietskundig, im wörtlichen Sinne „bewandert“ er in Tirol ist - und in Fragen der Gletscherkunde blank wie ein Gletscher im Spätsommer. Die von ihm abgeschriebenen Spezialbegriffe, mit denen er auf Superexperte machen wollte, stammen aus der Kontinentaleisforschung, und haben mit den Verhältnissen im Taschach so gut wie nichts zu tun.

Warum, so fragt man sich, beauftragt das Land oder die TIWAG nicht einen international anerkannten externen Experten wie zum Beispiel den Univ.-Prof. Dirk van Husen von der TU Wien (der sehr viel in dieser Richtung für das Geologische Bundesamt gearbeitet hat) mit der Kartierung der Moränen?

Die TIWAG ist hier einem Scharlatan aufgesessen, und mit ihr der Landesgeologe Heißel. Letzteren, dem der Herr Wilhelmy ja eigentlich aus der Patsche helfen sollte, hat er mit seinem dubiosen Gutachten noch viel tiefer in diese hineingezogen. Erst am 14. September, volle drei Monate nach Beauftragung durch den Landeshauptmann, ist Gunther Heißel in der Lage, der Landesrätin Hosp seine kurze „Stellungnahme der Landesgeologie“ zu übermitteln. Und darin referiert er im wesentlichen Wilhelmys Standpunkt und übernimmt - wie er selbst sagt - „in fachlicher Einigkeit“ dessen haarsträubende Berechnung des Moränenanteils auf Punkt und Komma, soll heißen: bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma. Heißel hat noch nie etwas von einer Oberflächenmoräne gehört und spricht allem, was er nicht kennt, die Moräneneigenschaft ab. Dieser Landesgeologe, der sich ohne Distanzierung an so ein Pfusch-Gutachten anhängt, setzt in aller Öffentlichkeit seine berufliche Position aufs Spiel. Stellungnahme Heißel (PDF 900kB)

Zum Abschluss ein guter (Link-)Tipp für Herrn Wilhelmys weitere Gutachterlaufbahn:
www.Akademisches-Ghost-Writing.de



An die hundert Interessierte konnten sich beim Lokalaugenschein mit Prof. Patzelt am 24. September 2006 von der Schutzwürdigkeit des Moränenensembles im Taschachtal überzeugen.


27.9.2006



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