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Das "Argumentarium"

Die PR-Berater der TIWAG haben ein „Tiroler Wasserkraft Argumentarium“ in Auftrag gegeben. Ein Exemplar dieser Geheimwaffe hat, wie uns ein Leser mitteilt, „anläßlich der Tiwag-Gespräche in unserer Region entweder ein Vertreter der Tiwag oder der begleitende Hofherr-Medienberater versehentlich liegen lassen“. Ein schwerer Verlust. Aber zum Glück liegt es uns in Kopie vor und wir können aushelfen.

Argumentarium

Der Zweck laut Vermerk auf der Titelseite:
„Dieses Argumentarium dient den Mitarbeitern der TIWAG und allen, die in die Kommunikation und Umsetzung von Kraftwerksprojekten eingebunden sind als Leitfaden für die Argumentation in der aktiven Öffentlichkeitsarbeit und für den Fall, dass einzelne Themen zum Inhalt der öffentlichen Auseinandersetzung werden.“
Ja, es könnte wirklich sein, daß unerwartet „einzelne Themen zum Inhalt der öffentlichen Auseinandersetzung werden“, sogar solche, an die die PR-Büros nicht denken oder nicht zu denken wagen. Mir fallen auf der Stelle einige solcher ein.
Was hier hingegen vorliegt, ist mickrig. „So dürfen sie schießen!“, pflegte der alte Edi Finger zu sagen, wenn die Gegner das Tor wieder einmal meterweit verfehlt hatten.
Obwohl die TIWAG die Nutzung der heimischen Biomasse bekämpft und uns Jahr für Jahr über die TIGAS noch abhängiger von importierten fossilen Energieträgern macht, und obwohl die TIWAG heimische Wasserkraft exportiert und uns Atomstrom in Mengen wie kein anderes Bundesland ins Haus liefert, sollen die Apostel, die jetzt in die Dörfer hinausgeschickt werden, laut ihrem Schmierer sagen: „Die Ölscheichs sind schon reich genug. Wir sollten nicht auch noch die Atomkonzerne mit unserem Geld füttern.“ Die Projektleiter Boes, Eibl, Kofler und Pliessnig werden also demnächst in Osttirol, am Arlberg, im Ötztal und im Stubai ziemlich antikapitalistisch auftreten. Das TIWAG-Logo ist nicht umsonst so rot. Ob es allerdings wirklich gut kommt, wenn die TIWAG, die vierzehn ihrer fünfzehn größten Kraftwerke an US-Finanzhaie verschachert hat, die Losung „Wir werden nicht zum Spielball internationaler Konzerne.“ ausgibt, ist schon ein bißchen zu bezweifeln.
Es ist ein ärmliches, wenn auch sicher nicht billiges Werklein, dieser „Leitfaden“. Man stellt sich vor, die Hintertaler auf diese Weise zu überzeugen: „Es ist einfach sinnvoll und vernünftig, die eigenen natürlichen Rohstoffe zu nutzen. Jedes Land macht das. Die Araber verkaufen ihr Öl, die Russen ihr Gas und Südamerika Diamanten.“ Und die TIWAG verkauft Lügen. Zum Beispiel auf Seite 5: „Stromsparen bedeutet Verzicht auf gewohnte, angenehme Dinge und ist letztlich Wohlstandsbeschränkung.“ Oder auf Seite 6: „Gebirgsbäche werden nicht trocken gelegt. Das sind Schauermärchen.“
Schauermärchen oder schauerliche Wahrheiten? Die Bachbetten unterhalb der Ableitungen aus dem Sellrain und aus dem Stubai ins Kühtai sehen so aus:

Bachfassung Alpein
Bachfassung Alpein/Stubai (Foto: Luis Töchterle)

Abgesehen davon rätsle ich noch immer, wo in Südamerika (!) dieses große, bisher völlig unbekannte Diamentenvorkommen liegen könnte.
Irgendwie muß der Auftrag gelautet haben, so plump zu argumentieren, daß es plumper gar nicht mehr geht. Und immer wenn etwas schon ganz tölpelhaft formuliert war, ist in der Redaktion dieses „Argumentariums“ noch einer gekommen, der es noch tölpelhafter hingebracht hat. Und so haben sich die Mitarbeiter an diesem Argumentarium in einen ziemlich rücksichtslosen Wettstreit gegenseitiger Unterbietung hineingesteigert. Herausgekommen sind dann Perlen wie diese:
„Wenn es diese Speicher nicht gäbe, müssten noch mehr Atomkraftwerke gebaut werden, die aber auch Strom produzieren würden, der gar nicht verbraucht wird. Das wäre dasselbe, wenn die Autobahn zehnspurig gebaut würde, weil es ein paar Stautage im Jahr gibt.“ Hier kann man dieses Dumping in Sachen Glaubwürdigkeit schön erkennen. Einer hat den Vergleich mit einer achtspurigen Autobahn vorgeschlagen, gewonnen hat dann aber logischer Weise der, der noch auf „zehnspurig“ erhöhen hat können.
Anderes Beispiel: „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht die TIWAG nur das, was auch andere Branchen machen, nämlich Veredelung. Sie erzeugt aus dem Grundstoff Strom, das veredelte Produkt Spitzenstrom und bekommt dafür einen guten Preis. (Vergleich: Um ein Kilo Fleisch zu produzieren braucht es drei Kilo Getreide, mit einem Nährwert von etwa drei Kilo Fleisch. Auch das wäre eine Verschwendung und trotzdem ist es sinnvoll, weil der Mensch auch Fleisch braucht und weil der Bauer Fleisch zu einem besseren Preis verkaufen kann, als Getreide) Es geht letztlich um Wertschöpfung.“
Hier wurde offenbar eine zuerst aufgestellte Milchmädchenrechnung von einer Metzgerlehrlingskalkulation noch glatt ausgestochen. Hervorragend! Wenn auch vielleicht die Tatsache, daß das Getreide den einen weggenommen wird, um das Fleisch den anderen in den Rachen zu schmeißen, ein bißchen zu bekannt sein mag. Und damit die Parallele mit dem Wasser, das den einen weggenommen wird, um die Wertschöpfung den anderen in die Taschen zu schieben, vielleicht ein bißchen zu nahe liegt.
Von solchen Zweifeln wird der „Leitfaden für die Argumentation“ nirgendwo geplagt. Auch davon, daß die natürlichen Rohstoffe bei uns bereits genutzt werden, intensiv genutzt werden, nämlich landwirtschaftlich und touristisch, lassen sich seine Verfasser nicht im mindesten beirren: „Dort wo Kraftwerke sind, ist auch Tourismus.“
Und so weiter, und so weiter.
Wenn die Herren Boes, Eibl, Kofler und Pliessnig in die Dörfer hinausbrettern, kann sicher niemand sagen, daß sie nicht geschickt wären. Von der PR-Agentur. Daß sie jetzt auch noch dieses arge„Argumentarium“ dort heruntersagen müssen, macht ihren Job noch schwerer. Müssen sie doch tatsächlich „Argumente“ wie folgt absondern: „Die TIWAG Gewinne werden an das Land abgeliefert oder in Tirol investiert. Das Land kann damit Straßen, Kindergärten und Schulen bauen oder den Hochwasseropfern helfen.“ Die erst von der TIWAG zu solchen gemacht worden sind, wäre vielleicht noch zu ergänzen gewesen.

Die Rechtschreibung in den Zitaten aus dem „Tiroler Wasserkraft Argumentarium“ ist vollkommen naturbelassen.

Nachschlag

Noch bevor wir uns von diesem Streich hätten erholen können, setzt die TIWAG - ohne sich oder uns zu schonen - erbarmungslos schon wieder eins drauf: Sie hat den oben beschriebenen internen Reader zu einem jetzt offenbar für einen größeren Kreis gedachten supergeilen „Argumentarium“ ausgebaut, inhaltlich zwar um einige der zitierten Kostbarkeiten ärmer, aber äußerlich mega-chic im totalen Retro-Look. Man fühlt sich unwillkürlich in das Bulgarien Todor Schivkovs von etwa 1973 versetzt, eine kongeniale grafische Umsetzung des derzeitigen TIWAG-Führungsstils.

Argumentarium
Wir schreiben das Jahr 2005. Es gibt bereits Blocksatz, die Silbentrennung harrt noch ihrer Erfindung.

Die TIWAG hat „transparente Informationen“ angekündigt. Durchsichtige Argumente sind es geworden. Die TIWAG behauptet in der Volksausgabe jetzt nicht mehr: „Gebirgsbäche werden nicht trockengelegt. Das sind Schauermärchen.“ Sondern: „Gebirgstäler werden von der TIWAG nicht ‚trocken gelegt’. Das sind Schauermärchen.“ In Kenntnis der ersten Version kann das ja nur die Untermauerung dafür sein, daß die TIWAG Gebirgsbäche sehr wohl trockenlegen möchte. Wenn solche ungeheuerlichen Anschläge auf unseren Lebensraum „Gedruckt auf Umweltpapier“ angekündigt werden, ist das ganze schlicht obszön. Statt von Importstrom aus Atomkraftwerken, wie diese Dinger heißen, darf dementsprechend hier auch immer nur von solchem „aus thermischen Grundlastkraftwerken“ die Rede sein. Wenn dann noch im Zusammenhang mit den Pumpspeicherkraftwerken wörtlich mit „CO2-Freiheit“ argumentiert wird, so sind diese Lügen das Umweltschutzpapier nicht wert, im wahrsten Sinne des Wortes, auf dem sie geschrieben stehen. Die Erzeugung von Spitzenstrom in Sellrain-Silz, bei dem auch mithilfe von Strom aus den wahren CO2-Schleudern, was Kohlekraftwerke nun einmal sind, das Wasser in den Finstertaler Stausee hinaufgepumpt wird, ist das genaue Gegenteil einer Veredelung. Um nämlich 100 MWh „umweltfreundlichen“ Spitzenstrom aus Wasserkraft erzeugen zu können, muß vorher im stromvernichtenden Pumpbetrieb die Menge von 135 MWh importierter Energie aus Atom- oder Kohlekraftwerken aufgewendet werden, wobei im letzteren Falle auch der CO2-Ausstoß von der Erzeugung der 135 MWh Strom anfällt. Was in Sellrain-Silz produziert wird, ist 135:100 eingedickter, konzentrierter Dreckstrom. Es gibt in Wahrheit keine schadstoffbelastetere elektrische Energie als jene aus Pumpspeicherkraftwerken. Aber Umweltschutzpapier ist geduldig.

Manches freilich liest sich in der 2. verwässerten Auflage schon deutlich anders. Wurde im Geheimpapier noch auf das Argument gesetzt, das Land könne mit der TIWAG-Dividende “Straßen, Kindergärten und Schulen bauen oder den Hochwasseropfern helfen“, so verzichtet man im umgebauten „Argumentarium“, das demnächst vermutlich breiter gestreut wird, auf dieses wunderschön anzuschauende Eigentor. Jetzt „kann das Land mit der TIWAG-Dividende Straßen, Kindergärten und Schulen bauen oder beispielsweise den Opfern von Naturkatastrophen helfen.“ Wenn die TIWAG demnächst wahrscheinlich in Wörgl und sicherlich in Umhausen für von ihr mitverursachte Hochwasserschäden wird viel Geld hinlegen müssen, macht sich das mit den gottgegebenen Naturkatastrophen gewiß besser.
Trotzdem kann es die TIWAG nicht lassen, ihr Hochwassermanagement zu loben. Sie verbreitet, sie und die Illwerke hätten „beim Augusthochwasser 2005 ... rund 11 Millionen Kubikmeter Wasser zurückgehalten.“ Ich glaub’ das ja ung’schauter. Von irgendwann im August bis zum berühmten 23. halt. Nur beim wirklichen Hochwasser dann mit Sicherheit nicht. Wenn die Ableitungen in die Stauseen der Illwerke im Paznaun und der TIWAG im Sellrain vom Abend des 22. August an reihenweise verstopft wurden und komplett außer Betrieb gingen, war das schlicht nicht mehr möglich. Relevant wären aber lediglich die Wassermengen, die während der Hochwasserspitzen zurückgehalten wurden. Und mit denen ist auf keinen Fall zu protzen.

Während wir uns noch über den Wert des vorlügenden Argumentariums streiten, hat es seine erste Bewährungsprobe bereits bestanden. Die Oberländer Rundschau hat den zweiten Reserve-Vorstandsdirektor der TIWAG, Franz Hairer, zum Interview gebeten. Und da hat er ohne Zweifel diesen Schmierer dabei. Ich stell’ mir vor, unter dem Tisch, auf seinen Knien. Und riskiert immer wieder einmal einen unauffälligen Blick da hinein. Auf das Stichwort „Arbeitsplätze durch Kraftwerksbauten“ schlägt er, ohne daß es jemand merkt, blitzschnell die passende Seite in seinem „Argumentarium“ auf. Dort steht: „Bei den derzeit in Bau befindlichen Osttiroler Ökostromkraftwerken...“ Also spricht er dem Redakteur aufs Tonband: „Bei den derzeit in Osttirol in Bau befindlichen Ökostromkraftwerken ...“, schaut unauffällig noch einmal kurz in seine Unterlage, wo es heißt: „liegt der größte Auftragsanteil bei Unternehmen aus dem Bezirk Lienz“ und sagt seelenruhig ins Mikrofon: „liegt der größte Auftragsanteil bei Unternehmen aus dem Bezirk Lienz“.
Dieses Werklein wird uns allen noch viel Freude machen.

18.10.2005


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