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An der Strombörse verspekuliert:
TIWAG baut Verlust von mehr als 35 Millionen Euro


In den letzten Jahren ist die TIWAG zunehmend in ein Spielcasino umgewandelt worden. Man hat va banque vierzehn Kraftwerksanlagen auf Cross-Border gesetzt und ist mit immer größerer Gier immer größeres Risiko an der Strombörse gegangen. Die TIWAG jonglierte dort 2008 aus reiner Spielsucht mit rund 22 Terawattstunden Fremdstrom, wobei sie high-risk auf spätere Verkaufsgewinne spekuliert hat. Damit ist sie jetzt furchtbar auf die Nase gefallen.

Das Bild eingangs zeigt die beiden Vorstände Wallnöfer und Fraidl bei Edgar Röck, dem Leiter des Energiehandels der TIWAG, in der hauseigenen Spielhöhle, dem Frontoffice des Trading Floors, „wo man mit ein paar Mausklicks Millionendeals abschließt“ (O-Ton Röck).

Dazu muss man wissen, jede Kilowattstunde, die in Europa aus der Steckdose kommt, ist vorher bereits sechs- bis siebenmal gehandelt worden. Mit Terminkontrakten lässt sich nämlich ebenso spekulieren wie mit Aktien.


Spielsucht & Großmannsucht: „Die TIWAG ist ein Global Player im Stromhandel“
(Bruno Wallnöfer im Standard, 2.7.2004)

"Oktober. Einer der besonders gefährlichen Monate für Börsenspekulationen. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Februar."
Mark Twain


„Wir beherrschen alle Geschäfte, in denen wir tätig sind und das weit über die Landesgrenzen hinaus.“, tönte der Oberbroker der TIWAG, Ex-Vorstand Herbert Hönlinger 2004 im ORF (Report, 28.4.2004). Die Gewinne aus dem Börsenhandel würden „vor allem den Kunden zugute kommen“. Auch Wallnöfer forcierte in heilloser Selbstüberschätzung „ein stark expandierendes Stromhandelsgeschäft als zweite Säule für Wachstum und europäische Marktpräsenz“ (TT, 11.5.2004). Die Aussicht auf „zusätzliche Gewinnpotenziale“ (Geschäftsbericht 2004) im Stromhandel, „in dem wir in der vordersten Liga mitspielen“ (Hönlinger), ließen freilich nach und nach sämtliche Sicherungen des Stromversorgers durchbrennen.

Auch der Druck der Politik auf die TIWAG, Gewinne auf Teufelkommraus zu machen, war groß. Van Staa hat Wallnöfer gleich bei dessen Bestellung zum TIWAG-Chef angewiesen, „mir in einem Business-Plan vorzulegen, ob höhere Dividenden möglich sind“ (TT, 10.5.2004)

Die Gambler in der TIWAG wurden immer mehr von ihrer Spielsucht erfasst. Bald handelten sie mit doppelt soviel Fremdstrom wie sie selbst erzeugten, bald viermal, dann sechsmal soviel. Wie ein Junkie, der seine Dosis ständig erhöhen muss. 2008 schließlich dealte man mit Fremdstrom jedmöglicher Herkunft in einer Menge, mit der man den gesamten Stromverbrauch Tirols locker bis 2014 abdecken könnte.




Die Preise bei Strompaketen für ein Jahr im Voraus sind sowohl bei Baseload (Bandstrom: blau) als auch bei Peakload (Spitzenstrom: rot) seit Juli 2008 völlig abgestürzt. Und die TIWAG hat sich damit hoffnungslos verspekuliert.


Crash statt Cash

Die TIWAG-Chefs haben ihr Haus mit dem Casino Austria schräg gegenüber verwechselt. Mit immer größerer Gier wurde an der Strombörse gezockt, konkret mit immer größeren Einsätzen auf weiterhin steil ansteigende Strompreise gewettet und riesige Mengenpakete für die Zukunft eingekauft.

Ein TIWAG-Experte: „Der Strompreis hat sich zuletzt parallel zum Öl-Preis entwickelt. Als sich dieser auf die 200 US-Dollar pro Barrel zubewegt hat, sind unsere Trader ausgeflippt und haben im Terminhandel, zum Beispiel auf ein Jahr im Voraus, Unmengen von sogenannten Optionen, Futures und Forwards, gekauft, die die TIWAG jetzt als extrem überpreisig abnehmen muss, während sie dieselbe Qualität auf den Spotmärkten heute um die Hälfte kriegen könnte. Jetzt muss sie diese Fehlkäufe mit negativer Deckung irgendwie verramschen. Daraus resultieren Riesenverluste der TIWAG im Bereich Stromhandel.“

Lag der Preis für eine Megawattstunde Grundlast an der Strombörse Ende Oktober 2008 noch bei ca. 85 Euro, so ist er von da an fast im freien Fall, d.h. dazwischen vielleicht zweimal aufschlagend bei 70 Euro Anfang Dezember und 57 Euro Ende Jänner, auf zuletzt 37 Euro/MWh abgestürzt. Im gleichen Verhältnis ist der Preis für Spitzenstrom, den die TIWAG ja so gewinnbringend im Ausland losschlagen will, von 118 Euro pro Megawattstunde auf 92 € (1.12.2008), dann 75 € (23.1.2009) und jetzt 46 Euro geplumpst.

Angesichts der blanken Gier hat auch das sogenannte hausinterne Risiko-Management, Reporting hin, Controlling her, nicht mehr funktioniert. Backstage des Backoffice (BSW) erfährt man, dass die TIWAG im Stromhandel bereits im Geschäftsjahr 2008 einen Verlust von mehr als 35 Millionen Euro gebaut hat.

Dabei kommt das ganz dicke Ende erst. Die Defizite, die die TIWAG-Broker derzeit täglich einfahren, werden erst in der Konzernbilanz 2009 richtig zu Buche schlagen und das Geschäftsergebnis massiv nach unten drücken.

Jenen Werbeclip des picksüßen TIWAG-Sparfuchses Edgar Gasteiger im ORF-Fernsehen müssen die hauseigenen Trader glatt versäumt haben, wo er sagt: „Mein Tipp: Mit weniger Gier an der Strombörse können Sie viel Geld sparen.“


Service: Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige


6.4.2009


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