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Pumpspeicherkraftwerke wie Sellrain-Silz sind kein Zukunfts-Modell!
Interview mit dem Schweizer Energieexperten Heini Glauser


Die TIWAG sieht Sellrain-Silz als Modell für den weiteren Kraftwerksausbau in Tirol. Das Pumpspeicherkraftwerk im Kühtai kann ca. 332 Gigawattstunden Strom jährlich produzieren, aber nur wenn dafür 455 Gigawattstunden an importiertem schmutzigem Pumpstrom aufgewendet werden. Das heißt: Die Energiebilanz von Kühtai ist hochnegativ! Pumpspeicherkraftwerke sind also wirklich Marktführer, wie Bruno Wallnöfer sagt. Allerdings im Stromvernichten.

Das energiewirtschaftliche Profil für die Auslegung der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz wurde seinerzeit von den Bayernwerken (heute EON) vorgegeben und sollte vor allem deren Bedarf an Regelenergie befriedigen und ihnen die Möglichkeit eröffnen, überschüssigen Grundlaststrom loszuwerden. Dieses Nutzungsmodell von vorgestern als Vorbild für die Zukunft hinzustellen, kommt geradezu einer gefährlichen Drohung gleich. Denn das hieße, man zöge keine Lehre aus den bestehenden Knebelungsverträgen mit EON und EnBW/EdF, sondern investierte frisch drauflos in neue zusätzliche Auslandsabhängigkeit. Ob als kleiner Subunternehmer für die europäischen Stromriesen oder als Spekulant für die Börse, heute noch Pumpspeicherprojekte zu planen, die vielleicht in zehn, fünfzehn Jahren in Betrieb gehen, ist mehr als riskant. Dazu äußert sich in sehr klaren Worten der bekannte Schweizer Energieexperte Heini Glauser, mit dem wir das folgende Gespräch geführt haben.


Pressekonferenz sämtlicher von den TIWAG-Projekten betroffener Initiativen am
17. Oktober 2006 in Innsbruck. Mit gutem Grund hatten sie sich einen neutralen
ausländischen Experten eingeladen: Heini Glauser aus der Schweiz (rechts im
Bild) sprach über „Wasserkraft im Dienste von Kohle und Strom“.


Herr, Glauser, der ORF hat Bruno Wallnöfer zu einer Live-Diskussion mit Ihnen ins „Tirol heute“-Studio eingeladen. Der TIWAG-Chef hätte dort alle Ihre Kritikpunkte entkräften können, wenn er sie hätte entkräften können. Warum, glauben Sie, hat er sich nicht getraut und hat diese Auseinandersetzung gescheut?
Glauser: Keine Ahnung. Er wird schon seine Gründe haben. Ich hätte es spannend gefunden, zu hören, wie er dagegenhält.

Dafür werde ich mir erlauben, stellvertretend für Bruno Wallnöfer – eine ganz neue Rolle für mich –, als Wallnöfer-Stunt sozusagen, immer wieder seine besten Argumente in unser Gespräch einzubringen. Ist das für Sie so in Ordnung?
Glauser: Ja, ich bin gespannt.

Gut. Bruno Wallnöfer sagt: „Tirol hat viel Wasser und große Höhenunterschiede. In Tirol ist daher der Bau von Speicherkraftwerken die beste und gleichzeitig umweltschonendste Möglichkeit, die Wasserkraft zu nutzen.“ Stimmt doch, oder?
Glauser: Dass richtige Wasserkraft erneuerbare Energie im wirklichen Sinne ist, bis dahin sind wir uns alle einig. Alle Widerstandsgruppen, das Volk, die Elektrizitätswirtschaft. Es funktioniert - obwohl es natürlich im Detail viel komplizierter ist - relativ einfach: Herunterströmendes Wasser treibt Turbinen und Generatoren an und produziert wertvollen Strom. Dieser Strom darf als absolut erneuerbar und in vielen Aspekten auch als sauber bezeichnet werden.
Speicherseen können auch künstlich gefüllt werden, indem Wasser von einem untenliegenden Gewässer oder Ausgleichsbecken hochgepumpt wird, um dann später, zum gewünschten Zeitpunkt über die Turbinen wieder Strom zu produzieren. Während natürliche Wasserkraft absolut CO2-frei ist, wenn man einmal die Bauphase ausklammert, und wirklich als erneuerbare Energie bezeichnet werden muss oder darf, hat Pumpspeicherstrom praktisch nichts mit natürlicher Wasserkraft zu tun, denn das Hochpumpen des Wassers ist eigentlich nur ein Mittel, später wieder Strom zu produzieren. Und wenn wir es genau betrachten, wo die Energie herkommt, um dieses Wasser hochzupumpen, um es später wieder runterzulassen, dann sehen wir: das ist Kohle- und Atomstrom und vielleicht auch noch Gasstrom, der da verwendet wird. Und er wird nicht nur zwischengelagert und einfach wieder produziert, sondern in diesem Fall geht auch noch etwa ein Viertel dieses Stromes verloren. Also kann man korrekterweise sagen, der Pumpspeicherstrom ist eigentlich der schmutzigste Strom im europäischen System, weil er schmutzigen Kohle- und Atomstrom nimmt und mit einem Verlust von einem Viertel später wieder produziert.

Von „ökologisch“, „erneuerbar“, „emissionsfrei“, „nachhaltig“, „sauber“ usw., wie die TIWAG in ihren PR-Anzeigen sagt, keine Rede?
Glauser: In jeder Kilowattstunde Pumpstrom hat es 1,3 kWh eben einer anderen Quelle. Normalerweise rechne ich nicht mit Atom- oder Kohlestrom ganz spezifisch, weil diese verschiedenen Produktionsarten ja alle ins Netz fließen, darum kann man vereinfacht sagen: gepumpt wird Euro-Mix, etwa zu 85 Prozent Fossil- und Atomstrom und ein bisschen erneuerbare Quellen, einige Prozente in der Nacht. Und dieser Strom hat heute 400 Gramm CO2 drin je Kilowattstunde, und 33 Millionen Becquerel strahlender Atommüll wird durch jede produzierte Kilowattstunde verursacht. Und im Pumpspeicherstrom ist diese Menge Abfälle und CO2 dann mal 1,3 vorhanden. Und das find ich einfach wichtig, dass zwischen natürlichem Wasserstrom und Pumpspeicherstrom konsequent unterschieden wird, obwohl sie letztendlich in den gleichen oder in ähnlichen Anlagen produziert werden.

Nun haben Sie in Ihren Ausführungen auch die Wirtschaftlichkeit neuer Pumpspeicherkraftwerke stark in Zweifel gezogen. Bruno Wallnöfer hat darauf hin verlauten lassen, das sei alles „Unsinn“, denn Pumpspeicherkraftwerke würden „noch an Bedeutung gewinnen“.
Glauser: Das Pumpspeicherwerk ist auf billige Energie angewiesen. Es muss diese Phasen haben, wo der Strom wenig oder fast nichts kostet. Und nur so lange es diesen Billigstrom gibt, kann durch höhere Preise eine Marge erzielt werden. An der ETH Zürich, an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, wurde deshalb letztes Jahr mit Angaben der Elektrizitätsgesellschaften eine Studie erarbeitet: „Die wirtschaftliche Zukunft der Wasserkraft“. Und diese Studie wurde jetzt veröffentlicht und die mitauftraggebende Stromwirtschaft hat sich schon davon distanziert aber ich nehme an, die Aussagen haben durchaus einen Kern Wahrheit, den wir beachten müssen, wobei niemand von uns die Zukunft genau voraussieht. Die sagen Wasserkraft, natürliche Wasserkraft, wird auch in Zukunft immer einen Markt haben, die wird eine Chance haben, neben anderen Energien. Bei der Pumpspeicherung gibt es große Warnungen und wird in Frage gestellt, ob die momentane Situation, die so lukrativ ist, in Zukunft weiter bestehen wird.

Sie sagen ja, ganz im Gegensatz zu Wallnöfer, das Ende dieses Booms ist in Sicht. Warum?
Glauser: Aus folgenden Gründen: Wir haben einen großen Zubau von Stromproduktionsarten, die genau in diese Nische produzieren sollen, eben Pumpspeicherung, aber auch Gaskraftwerke, erneuerbare, sogar Kohlekraftwerke können heute so konzipiert werden, dass man sie dem Bedarf anpassen kann. Und wir haben natürlich eine Veränderung der Energiepreise. Wenn Öl teurer wird, hat das auf jegliche Energieart eine Folge. Da schreibt der „Kurier“ heute: „Strom- und Gaspreis hängt auf Gedeih und Verderb vom Öl ab.“ So wie das Öl rauf und runter geht, ziehen auch Gas und Kohle nach. Das sind die Zusammenhänge, weil ja Substitution, also Auswechseln von einem Energieträger durch den anderen, möglich ist. Das heißt, wenn eine Energie teurer wird, ziehen die anderen früher oder später nach. Wenn also Kohle, Öl- und Gasstrom massiv teurer werden und damit auch Atomstrom, dann fällt die billige Energie weg.


Kronenzeitung vom 18. Oktober 2006

Unser heimischer Energieexperte Wallnöfer behauptet aber, Pumpspeicherkraftwerke seien „Marktführer“ und würden „über Jahrzehnte eine unverzichtbare Rolle in der europäischen Energieverorgung“ spielen.
Glauser: Zusätzlich zu diesen Energiepreisen, die wahrscheinlich steigen werden, kommen noch die CO2-Preise. Wir wissen, und vor allem im Alpingebiet wissen wir ja, wie der Klimawandel uns gefährdet. Wenn wir also nach weiteren Naturkatastrophen in einigen Jahren oder vielleicht in ein, zwei Jahrzehnten effektiv an den Klimaschutz gehen und die Europäische Union die CO2-Zertifikate wirklich limitiert, wird auch dort ein massiver Preisschub kommen für CO2-lastige Energieträger, allen voran für Kohle. Kohle und Braunkohle produzieren doppelt so viel CO2 wie Gas. Also wird es einen Wechsel geben, man wird von den Bandstromproduzenten Kohle, Braunkohle eher zu Gas gehen in einer ersten Stufe, das weniger CO2 hat, und langfristig natürlich zu Biogas. Und alle diese Veränderungen, hat diese ETH-Studie gezeigt, deuten darauf hin, dass die Preisdifferenzen von Überschussstrom oder Nachtstrom zu Tagstrom kleiner werden. Es könnte sogar sein, dass in zehn, zwanzig Jahren ganz andere Preisphänomene für diese Variablen zuständig sind.

Das heißt, wie der „Kurier“ getitelt hat, Pumpspeicher sind nicht zukunftsfähig.
Glauser: Die angesprochene Studie sagt klipp und klar: wenn das Verhältnis von Billigstrom zu teurem Strom unter 1,5 fällt, das ist sehr realistisch, wenn man variabel bedienbare Kraftwerke hat, dann wird die Pumpspeicherung zum Verlustgeschäft.
Die billigen Massenstromproduzenten haben keine Zukunft. Alles, was auf diese Technologien baut, ist irgendwie auf Sand gebaut, das heißt der ganze Ausbau in diese Riesenzentralen ist nicht zukunftsfähig. Darum bin ich überzeugt, dass bestehende Pumpspeicherwerke sicher nicht abgebrochen werden müssen, aber ein massiver Zubau von Pumpspeicherwerken kaum die wirtschaftlichen Erfolge bringen wird wie sie zum Beispiel jetzt grad herrschen.

Herr Glauser, Sie haben vor ein paar Monaten in einem Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ in Bezug auf die vielen aktuellen Pumpspeicherprojekte allein in der Schweiz und in Österreich geschrieben: „Es erstaunt daher, dass heute Projekte wie Pilze aus dem Boden schießen, die wahrscheinlich erst dann betriebsbereit sind, wenn die heutigen Margen Vergangenheit sind.“
Glauser: Sicher. Auch dieses Geschäft unterliegt den Marktgesetzen. Wo große Gewinne und Renditen locken, wird investiert und spekuliert. Dies ist der Hauptgrund für die vielen Pumpspeicherprojekte in den Alpen. Allein in Österreich und der Schweiz mit je ca. 3'000 MW zusätzlicher Leistung. In diesen Markt drängen jedoch auch andere. Strom kann auch mit thermischen Kraftwerken nach Bedarf produziert werden. Z.B. können mit Gasturbinen innert Minuten große Leistungen zugeschaltet werden.
In absehbarer Zeit werden sich auf dem Markt von Tages-, Spitzen- und Regulierenergie viel mehr Anbieter tummeln und sich die Gewinne gegenseitig streitig machen.
Die Pumpspeicherung könnte damit plötzlich unrentabel werden, weil für ihren Betrieb ja der Strom der thermischen Kraftwerke notwendig ist.


Vier neue Atomstromspeicher möchte die TIWAG in Tirol errichten: Malfontal (Arlberg),
Taschach (Pitztal), Längental (Kühtai) und Tauerntal (Matrei)


Das Argument mit den Arbeitsplätzen bringt natürlich auch die TIWAG immer wieder.
Glauser: Die Frage der Arbeitsplätze, muss sehr ernst genommen werden. Da nehm’ ich jetzt das Beispiel der Grimselkraftwerke im Berner Oberland. Die argumentieren, dass der Ausbau der Pumpspeicherung langfristig Arbeitsplätze schafft. Und die haben jetzt durch ein renommiertes Büro abklären lassen, wie viele Arbeitsplätze das in diesem Gebiet gibt bei einer Ausbaugröße, die ähnlich ist wie die von Sellrain-Silz. Und sie kommen darauf, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren lokal bis zu 60 Arbeitsplätze entstehen und dass anschließend nur noch ein bis zwei Arbeitsplätze langfristig erhalten werden können – in einem Betrieb, der heute 350 Arbeitsplätze hat.

Wo sehen Sie Alternativen zu diesen Projekten von gestern?
Glauser: Die Strategie, für die ich mich einsetze, für die viele Leute der Initiativen sich einsetzen, ist eine andere und ich denke, sie hat Zukunft, das bestätigen ja auch international viele renommierte Leute. Sie basiert auf dezentraler und bedarfsgerechter Stromproduktion. Und da darf sich die TIWAG durchaus sehen lassen und andere österreichische und schweizerische Gesellschaften. Viele bestehende Kraftwerke erfüllen dieses Kriterium mindestens teilweise. Sie sind heute noch dezentral. Und wenn sie sich auf erneuerbare Energie maßvoll und regelbar konzentrieren, werden sie auch in Zukunft dabei sein. Alle diese Anlagen können anstatt mit Riesenanlagen eher mit kleinen Anlagen ergänzt werden: Biomasse, Sonne, Wind, Geothermie, das sind Anlagen, die nicht Hundert bis Tausend Megawatt Leistungspotenzial brauchen. Die können im Bereich von einigen Megawatt oder sogar im Kilowattbereich schon betrieben werden.

Also dezentral statt neue Riesenkonglomerate?
Glauser: Ja, die erste Schiene dieser neuen Technologie ist dezentrale, bedarfsgerechte Stromproduktion. Die zweite ist ganz klar: beim Verbrauch müssen wir noch Riesen-Effizienzfortschritte machen. Allein im Lichtbereich können wir mit Faktor 1:10 Strom sparen. Also im ganzen Effizienzbereich, an dem die Stromproduzenten schlicht kein Interesse haben. Und die dritte Schiene ist: die Zukunftsenergien müssen aus erneuerbaren Quellen kommen - und da hat auch Wasser einen Anteil.

Zwischenfrage: Warum, Herr Glauser, glauben Sie, dass nicht nur die TIWAG, sondern auch andere Energieversorgungsunternehmen Sie scheuen wie der Teufel das Weihwasser?
Glauser: Ja, weil ich gegen ihre Lieblingsprojekte bin. An meiner fachlichen Kompetenz zu zweifeln, das ist natürlich legitim, aber das sollen doch andere Energiefachleute tun und nicht die Firmen, deren Projekte ich kritisiere. Da wird es ein bisschen schwierig.

Kommen wir nun zum Kraftwerk Sellrain-Silz, dem einzigen Pumpspeicherkraftwerk der TIWAG. Sie haben sich das ein bisschen näher angesehen. Bruno Wallnöfer hat beim 25-Jahr-Jubiläum in Kühtai damit geprotzt, dass der Wirkungsgrad im Wälzbetrieb „bei beachtlichen 73 Prozent liegt und somit wesentlich höher als bei der Stromerzeugung aus kalorischen Kraftwerken ist“. Was sagen Sie dazu?
Glauser: Herr Wallnöfer hat die 73 Prozent Wirkungsgrad als extrem hoch bezeichnet gegenüber den thermischen Kraftwerken. Das stimmt. Die Atomkraftwerke haben einen Wirkungsgrad von 33 Prozent. Das mittlere fossile Kraftwerk einen Wirkungsgrad von 42 Prozent. Und das beste Gaskombikraftwerk einen Wirkungsgrad von 58 Prozent. Und da ist natürlich 73 Prozent wirklich eine sehr schöne Zahl, nur: Das Pumpspeicherkraftwerk braucht Energie, mit der zuerst hochgepumpt wird, sonst kann es gar nicht laufen. Also muss korrekter Weise jetzt die Kombination gemacht werden: Man muss den Wirkungsgrad von Atomkraftwerken und Pumpspeicherung miteinander multiplizieren. Das heißt, der Wirkungsgrad 33 Prozent mal 73 Prozent gibt einen Gesamtwirkungsgrad von 24 Prozent. Oder konkreter gesagt, AKW plus Pumpspeicherung nutzt noch ein Viertel der Energie, die drin steckt. Die mittlere Effizienz fossiler Kraftwerke – 42 Prozent – mal Pumpspeicherwirkungsgrad 73 Prozent, ergibt noch 30 Prozent. Und beim besten Gaskombikraftwerk, das voll durchlaufen gelassen wird und mit dessen Strom in der Nacht hochgepumpt wird, haben wir 58 Prozent mal 73 Prozent bei der Pumpspeicherung, da sind wir bei mageren 42 Prozent Gesamtwirkungsgrad. Ich denke, wenn Sie Kinder am Tisch haben und die ein Glas Milch zu 60 Prozent auf den Tisch kippen und noch die restlichen 40 Prozent trinken, sie würden ihnen eine Standpauke halten und sagen, so geht man doch mit Rohstoffen nicht um. Aber dass die Energiewirtschaft heute mit Gesamtwirkungsgraden von 20 bis 40 Prozent arbeitet und weiter arbeiten will, das nehmen wir als selbstverständlich hin.


Mitte Oktober feierte die TIWAG ihr Stromvernichtungskraftwerk im Kühtai und
kündigte an, sogar noch zwei weitere Stromvernichtungskraftwerke (Kühtai 2 und
Längental) dort errichten zu wollen. (Foto: paps)


Da muss ich Ihnen aber schon entgegenhalten, dass Bruno Wallnöfer da völlig anderer Ansicht ist. Er spricht von „Zukunftsinvestitionen“ und dass die TIWAG mit den geplanten Pumpspeicherkraftwerken einen „Generationenvertrag“ erfüllt.
Glauser: Ich muss da immer die schweizerische Energiebilanz betrachten. Anfang Neunzehnhundert war der Wirkungsgrad in der gesamten Energiewirtschaft 50 Prozent zwischen Primärenergie und Nutzenergie. Ende letzten Jahrhunderts, eines Jahrhunderts des technologischen Fortschritts war die Effizienz bei 40 Prozent! Dass wir da nicht zukunftsfähig sind, und seit 1992 die Hälfte des gesamten weltweit produzierten CO2 ausgestoßen haben, das verwundert nicht, und es ist hochdringend, dass wir hier endlich eine Änderung einleiten. Und ich kann Vorstandsvorsitzenden Wallnöfer nur eindringlich auffordern, nicht einzelne isolierte Zahlen zu betrachten, sondern sich einmal die Zusammenhänge genau vor Augen zu führen.

Zurück zu Sellrain-Silz, dem „Flaggschiff“ der TIWAG und laut Wallnöfer „Vorbild“ des weiteren Ausbaus der Wasserkraft in Tirol. Was sagen Sie zu diesem „Vorzeigemodell“?
Glauser: Nun, ich habe dieses Kraftwerk Sellrain-Silz ein bisschen genauer betrachtet. Der Längentalsee ist jetzt in der Sicht der TIWAG der Schwachpunkt. Wenn mit Volllast vom Längentalsee in den Finstertalsee gepumpt wird, ist der Längentalsee in zwölf Stunden leer. Das gleiche gilt in umgekehrter Richtung: Wenn die Kühtai-Turbinen voll laufen, ist der Längensee in zehn Stunden wieder voll. Ähnlich, wenn der Längentalsee runtergelassen wird ins Kraftwerk Silz, dann ist er in siebzehn Stunden leer. Vielleicht ist diese Begrenzung, aus Sicht der Umwelt und des CO2, sogar der Vorteil. Das heißt, im Moment muss die TIWAG sich wirklich auf den Spitzenstrom konzentrieren und kann mit ihren Anlagen auch in diesem begehrten Bereich Regelenergiemarkt mitwirken. Aber das genügt der TIWAG ja nicht: Sie wollen die Anlagen nicht nur 1500 Stunden oder 2000 Stunden übers Jahr betreiben, sondern sie möchten zwei-, dreitausend Stunden pumpen und zwei-, dreitausend Stunden turbinieren, um die momentan hohen Preisdifferenzen viel stärker auszunutzen.

Das ist eben das Geschäft, das die TIWAG anpeilt.
Glauser: Das ist rein aus ökonomischer Sicht nachvollziehbar. Wenn wir mit aktuellen Preisen rechnen und diese Anlagen schon hätten, ist das ökonomisch verlockend. Aber es wird vergessen, dass, bis diese Anlagen erstellt sind, die Struktur des Strommarktes anders sein wird. Bei kleineren Preisdifferenzen zwischen Tag- und Nachtstrom muss während viel mehr Stunden am Tag gepumpt und über viel mehr Stunden turbiniert werden, um den erwarteten Ertrag zu erzielen. Das wird auch die ökologische Bilanz von Sellrain-Silz katastrophal verschlechtern.

Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, wenn Sellrain-Silz wie jetzt geplant ausgebaut wird, dann wird per Saldo statt mehr Strom weniger Strom produziert. Wie würden Sie das dem Bruno Wallnöfer in einfachen Worten erklären?
Glauser: Heute sieht die Bilanz – ich hab das mit den aktuellen Zahlen gerechnet – so aus: 450 Millionen Kilowattstunden Strom kann aus natürlichem Zufluss produziert werden. Dieser Strom verdient das Etikett „saubere Wasserkraft“. 455 Millionen Kilowattstunden Strom, zufällig fast die gleiche Größe, wird aber aus dem europäischen Strommix auch zum Pumpen bezogen. Dieser Strom wird benutzt, Wasser vom Längentalsee in den Finstertalsee zu pumpen, um es dann zeitverschoben wieder runterzulassen. Von diesen 455 Millionen Kilowattstunden geht etwas mehr als ein Viertel, nämlich 122 Millionen Kilowattstunden, durch das Pumpen verloren. Das entspricht ungefähr dem Strom von 30.000 Haushalten! Soviel Strom geht in dieser Anlage durch den Pumpspeicher-Prozess verloren. Wenn jetzt die Ausbau-Etappe kommt, wie sie vorgesehen ist, können zusätzlich zu den 455 GWh weitere 750 GWh gepumpt werden. Dann steigen die Verluste von 122 auf 320 GWh. Das heißt: Neben den natürlichen 450 Millionen produzierten Kilowattstunden verursacht die Anlage auch 350 Millionen Kilowattstunden Verlust. Das entspräche dem Strombedarf von fast 90.000 Haushalten in Tirol! Dann sind wir knapp davor, dass diese Anlage zum energetischen Nullsummenspiel wird.

Das heißt, das Argument mit der Versorgungssicherheit kann die TIWAG einpacken?
Glauser: Mit Versorgungssicherheit - wie’s die TIWAG hier präsentiert - hat das ganze überhaupt nichts mehr zu tun. Das hat wirklich nur mehr mit diesem Spiel Bandenergie und Pumpspeicherung und den erhofften ökonomischen Erfolgen zu tun. Und ich vermute, dass dieses ökonomische Spiel auf die Dauer nicht aufgeht.


Papier ist geduldig. Das wird von der TIWAG schamlos ausgenützt: „Andere müssen
Kohle, Öl, Gas oder Uran verbrennen, um Strom zu erzeugen ... Wir Tiroler können
unsere Energie selbst erzeugen. Aus heimischer Wasserkraft. Sauber, kostengünstig,
zuverlässig. Tiroler Wasserkraft.“ (TIWAG-Anzeigenserie 2005)


Jetzt habe ich mir das beste Argument Wallnöfers extra bis zum Schluss aufbehalten. Wahrscheinlich wissen Sie, Herr Glauser, nämlich nicht, dass „Pumpspeicherkraftwerke Geschwister der Windkraft“ sind. Wenn das Wasser mit Windkraft in die Speicherseen gepumpt wird, sagt Wallnöfer, dann „wird ökologisch sauberer Strom aus Wasser mit Windkraft in idealer Weise kombiniert – zum Nutzen der Umwelt und zum Nutzen Tirols“. Geben Sie sich jetzt geschlagen?
Glauser: Der Wind ist ein „Argument“, um die grünen Seelen zu beruhigen.

Richtig. Wallnöfer hat gesagt, wörtlich, er hofft, „dass diese Überlegung auch die Grünen ins Boot holen wird“.
Glauser: Windstrom kommt sporadisch. Im Moment ist es so, dass die Pumpen von Sellrain-Silz im oberen Bereich fünf Stunden im Pumpbetrieb pro Tag und viereinhalb Stunden im Turbinierbetrieb laufen. Der Wind hat gegenüber dem heutigen Pumpspeicherregime eine ganz andere, eigene Charakteristik. Strom aus Windkraft ist abhängig von der Windstärke, und diese nimmt keine Rücksicht auf die Interessen der Pumpspeicherbetreiber. Windstrom braucht zur Ergänzung meist nur Regelenergie von kurzer Dauer: Bei Windflauten bricht die Produktion ein, bei Windböen gibt’s ausserordentliche Stromspitzen. Darauf muss mit rasch verfügbaren Kraftwerken reagiert werden, meist nur für kurze Momente, Minuten bis Viertelstunden. Diese Peaks und Mankos, die Herr Wallnöfer abdecken will, zusammengezählt ungefähr eine oder zwei Stunden pro Tag, können bestens durch die bestehenden Regelkraftwerke ausgeglichen werden. Stellen Sie sich vor, wenn sich die TIWAG wirklich mit einem Nordsee-Windkraftwerk von mehreren Tausend Megawatt zusammenschließen will und diese Windschwankungen ausgleichen will, was dann in Europa passieren würde: Die Turbinen in Silz und oben in der Zwischenstufe Kühtai müssten konstant an- und abgeschaltet werden. Und zwischen der Nordseeküste und Österreich würde die Netzbelastung ständig im 1000 Megawatt-Bereich schwanken. So können wir unsere Anlagen nicht laufen lassen, weil das die Anlagen zu stark strapaziert. Die Summe der kurzen Laufzeiten würde dabei zu wenig Umsatz generieren, denn
Sellrain-Silz kann schon heute fünf Stunden pumpen und viereinhalb Stunden turbinieren. Der weitere Ausbau dient doch vor allem der sogenannten „Veredelung“ oder dem „Weisswaschen“ von Bandstrom und nicht der Ausregulierung von Leistungsschwankungen der Windenergie.

Wenn sich Wallnöfer doch ins ORF-Studio getraut hätte, würde er dort zu Ihnen gesagt haben, das, Herr Glauser, ist eine Einzelmeinung von Ihnen, die europäische Elektrizitätswirtschaft und alle namhaften Experten vertreten eine gegenteilige Ansicht.
Glauser: Dass die Experten der Stromwirtschaft die Thesen Wallnöfers und seiner Kollegen anderer Kraftwerksbetreiber stützen, hat mehr mit finanziellen Abhängigkeiten zu tun als mit objektiver Analyse. Wir alle kennen doch das Sprichwort: „Wess' Brot ich ess, dess' Lied ich sing.“ Für mich ist verblüffend, wie schnell zweckdienliche Schlagworte voneinander „abgekupfert“ werden. Die Begründung „Windkraftwerke seien Geschwister der Pumpspeicherung“ hat natürlich nicht Herr Wallnöfer erfunden, von allen Pumpspeicherkraftwerksbetreibern wird diese bemüht. Aber es hat eigentlich relativ wenig miteinander zu tun. Die Windbauer haben dieses Problem, und sie können es in Norddeutschland lösen. Neben ein solches Werk können heute sehr kurzfristig reagierende Aggregate gesetzt werden, zum Beispiel Gasturbinen oder Druckluftspeicher. Und da gibt’s noch andere Technologien. Lassen Sie sich nicht täuschen: Obwohl die beiden „Wind und Pumpspeicherung“ theoretisch zusammen betrieben werden könnten, sind die Charakteristiken der beiden Anlagenbetriebe so verschieden, dass sie schlicht nicht zusammenpassen.

Sie haben im österreichischen Fernsehen einmal davon gesprochen, dass es sich bei den neuen Pumpspeicherplänen um „spekulative Projekte handelt, die eventuell in einigen Jahren sogar Investitionsruinen sind“.
Glauser: Ich habe in einem Gutachten zu den Projekten in Tirol gesehen, dass diese Werke mit 50 Jahren Amortisationszeit und 6 Prozent Zins rechnen. Das heißt, wenn die Anlagen schon in zwanzig Jahren nicht mehr so betrieben werden können wie sie heute geplant sind, als Pumpspeicherkraftwerke, wird die Rechnung nicht mehr aufgehen. Wenn diese Anlagen gebaut werden und für den absehbaren Horizont, sagen wir 20 Jahre, konsequenterweise abgeschrieben werden, dann könnte die Rechnung stimmen, resultieren würden aber Preise, die die TIWAG kaum weiterverrechnen könnte.
Die Gefahr besteht, dass die Großen, die hinter diesem Projekt stehen, EON, RWE, EnBW oder wer’s auch immer ist, sich jetzt als Treiber hinter diesen Projekten betätigen und auch den Profit einstreifen und dass, wenn diese Anlagen nicht mehr wirtschaftlich sind, Tirol auf diesen - dann unrentablen - Anlagen sitzen bleibt. Dann gibt es zwei Optionen für Betreiber großer Pumpspeicherkraftwerke: Integration in ein Unternehmen mit riesigem Kraftwerkspark, dem sich mit einem flexiblem Kraftwerkspark mehr Möglichkeiten beim virtuellen Stromhandel eröffnen. Oder finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand zur Sicherung der lokalen Arbeitsplätze.



Und was kommt nach der hochspekulativen Kraftwerksoffensive der TIWAG?


Heini Glauser (54) ist selbständiger Energieingenieur, war viele Jahre Vizepräsident der Schweizerischen Energiestiftung SES, des größten Zusammenschlusses von Energiefachleuten in der Schweiz, und ist Mitglied verschiedener Arbeitsgruppen im schweizerischen Energieministerium.


Heini Glauser in der Neuen Zürcher Zeitung (19.12.2005) PDF 500 kB
Heini Glauser in der Sendung Kassensturz (Schweizer Fernsehen, 24.10.2006)

26.10.2006


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