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Trick 17 oder Jetzt kommt die Hochwasserkeule

Weil auch dem Landeshauptmann inzwischen dämmert, daß gleich mehrere Naturschutzgesetze gegen seine Kraftwerkspläne sprechen, möchte er es jetzt mit Trick 17 probieren: Ausgerechnet die vier TIWAG-Projekt-Regionen seien massiv hochwassergefährdet und müssten mit TIWAG-Stauseen vor dem Untergang gerettet werden. - Der international renommierte Universitätsprofessor für Wildbach- und Lawinenverbauung Herbert Aulitzky, der jahrzehntelang in Tirol gearbeitet hat und hier lebt, sieht das ganz anders.

Da der von der TIWAG erwünschte Stausee im Pitztaler Taschachtal oder im Ötztaler Rofental aufgrund seiner Lage erstens in einem Natura-2000–Gebiet der EU, zweitens im Ruhegebiet Ötztaler Alpen und drittens in einem auch noch besonders geschützten Gletschervorfeld einfach nicht realisierbar ist, versuchen die Betreiber jetzt, den Naturschutz mit der Hochwasserkeule platt zu machen. Der wie immer vorlaute Landeshauptmann hat es ja schon ausgeplappert. Die gigantischen Atomstromspeicher der TIWAG sollen für das Behördenverfahren als Hochwasserschutzmaßnahmen getarnt werden. Menschliche Siedlungen seien „höherwertige Güter“ und damit schutzwürdiger als die alpine Naturlandschaft. Die energiewirtschaftliche Nutzung der künstlichen Stauseen wäre dann nur noch so etwas wie eine Nachnutzung.

Die Kraftwerksbetreiber wollen diese Argumentation demnächst mit einem in München bestellten Gutachten stützen. Für die Präsentation wartet man nur noch auf den geeigneten Zeitpunkt – ein Hochwasser in der richtigen Region. (Das hat es auch noch nie gegeben in Tirol, daß eine in der Klemme sitzende Landesregierung auf eine Naturkatastrophe gegen die eigene Bevölkerung hofft!)
Der Landeshauptmann wird dann sagen, der beauftragte neutrale und unabhängige Experte Univ.Prof. Theodor Strobl sei ihm von noch viel neutraleren und unabhängigeren Experten empfohlen worden. Wahr ist, daß Prof. Strobl sich mit seinem Vortrag über „Die Wirkung von Speichern auf den Hochwasserrückhalt“ am von der TIWAG geförderten Institut für Wasserbau Innsbruck (IWI) am 10. November 2005 von selbst angeboten hat. Was in seinem Gutachten drinnen stehen wird, weiß van Staa auch schon seit Wochen. So sagte er in der Kraftwerksdebatte im Tiroler Landtag vom 6. Juli:

„Aufgrund der Hochwasserkatastrophe des letzten Jahres würde ich sagen, wir brauchen diese Speicher. Und wenn wir nicht Elektrizität erzeugen, dann brauchen wir Speicher, um das Wasser zurückzuhalten. Ich werde Euch in kurzer Zeit eine genaue wissenschaftliche Studie vorlegen. Da werden Sie sehen, was los ist. Wissen Sie, welches heute die meistgefährdetsten (!) Hochwassergebiete in Tirol sind? Nachgewiesen! Das Ötztal als erstes, an zweiter Stelle steht das Iseltal und an dritter Stelle steht Stubaital und Stanzertal.“


„Also, ich jage den Leuten zuerst Angst ein – und dann kommst du als Retter“


Wir haben zu dieser Trickserei die wirkliche Instanz in Österreich in Sachen Hochwasserschutz, den emeritierten Universitätsprofessor für Wildbach- und Lawinenverbauung Dipl.-Ing. Dr. Herbert Aulitzky befragt. Er, der auch zehn Jahre im hinteren Ötztal gearbeitet hat, spricht - „gelinde gesagt“ - von „sehr einseitig orientierten TIWAG-Absichten und ihrer ebenso einseitigen Unterstützung durch den Herrn Landeshauptmann“.

Van Staa hat sich um teures Geld eine Studie machen lassen, in der „die meistgefährdetsten Hochwassergebiete in Tirol“ aufgelistet sein sollen: „Das Ötztal als erstes, an zweiter Stelle steht das Iseltal und an dritter Stelle steht Stubaital und Stanzertal.“
Das sind ganz zufällig die vier Projektregionen der TIWAG. Was sagen Sie dazu?

Aulitzky: Diese Aussage ist vollkommen unrichtig, weil das innere Ötztal das überhaupt gewitterärmste Gebiet Österreichs darstellt, mit nur zwei Gewittern pro Jahr, unterstützt durch den günstigen geotechnischen Einfluß der Stufenlandschaft und verhältnismäßig günstige Substrateigenschaften, die unter anderem ihren Ausdruck auch in einer nur mittelmäßigen Anzahl von Wildbächen mit Schwemmkegel findet.

Und Iseltal, Stubai, Stanzertal?
Aulitzky: Während Osttirol wirklich durch seine Offenheit zu den niederschlagsreichen Mittelmeerwetterlagen vor allem im Herbst einen hohen Gefährdungsgrad aufweist, stimmt das - im Gegensatz zur Aussage des LH - keineswegs für das Stanzer- und das Stubaital. Die stattgefunden Katastrophen in Sölden, das Sommerhochwasser 1987, und im Oberen Gericht sind also keineswegs dem hohen natürlichen Gefahrenpotential dieser Gebiete zuzuschreiben, sondern ausschließlich dem Sachunverstand der jeweils Zuständigen.
Völlig gleiches gilt von der Frühsommerüberschwemmung in Längenfeld im Jahr 1965, wo man den bisher schützenden Bannwald zwischen den beiden Ortsteilen rodete und durch eine Siedlung ersetzte. Wenn ich dem Bach sein natürliches Bett nehme, dann kommt er eben in mein Bett auf Besuch. Der bewußt stehen gelassene Bannwald, an dessen Besiedelung früher niemand gedacht hätte, war eben die Bachstatt des hochwasserführenden Fischbaches. Auf diese Weise kann man überall Katastrophengebiete künstlich schaffen. Des gleichen bewährten Katastrophenerzeugungsrezeptes bediente man sich auch in Pettneu im Stanzertal, wo man gleich einen ganzen Ort riegelartig die natürliche Bachstatt queren ließ.
Die Reihung der Gefährlichkeit in Tirol hat also nichts mit den naturräumlichen Gegebenheiten zu tun und entspricht sicher nicht zufällig den Ausbauplänen der TIWAG.

Der Bürgermeister von Umhausen, Jakob Wolf, der offenbar um alles in der Welt Landesrat werden möchte, hat „seinen“ Gemeinderat folgenden Beschluss fassen lassen:
„Der Gemeinderat richtet einen Appell an die Tiroler Wasserkraft AG und an die Tiroler Landesregierung, im hinteren Ötztal Projekte zu realisieren, die einen möglichst großen Hochwasserschutz gewährleisten. Dies deshalb, da gerade die Gemeinde Umhausen immer wieder mit prekären Hochwassersituationen konfrontiert ist und in den letzten Jahren durch Hochwasser erheblicher Schaden im Gemeindegebiet verursacht wurde.“
Das war die von van Staa gewünschte Vorlage für den Regierungsantrag vom 27. Juni 2006, wo es zum Speicher im Rofental heißt, dieser werde „von einer Mehrheit der Ötztaler Gemeindevertreter aus Gründen des Hochwasserschutzes bevorzugt“. Daran ist kein Wort wahr. In den übrigen Ötztaler Gemeinderäten wurde darüber nicht einmal diskutiert, geschweige denn abgestimmt! Ist die Strategie nicht allzu durchsichtig, wenn ausgerechnet Umhausen, das - mit Ausnahme der Fraktion Tumpen - weitab der Ötztaler Ache liegt, hier Stimmung macht?

Aulitzky: Dank der erhöhten Lage Umhausens gegenüber der Ötztaler Ache ist hier die Gefährdung weit geringer als in den durch örtliche Fehlplanungen gekennzeichneten Orten Sölden und Längenfeld. Daher fehlt diesem Beschluß die naturräumliche Begründung.

Beim Verfasser der von van Staa in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Studie handelt es sich um Univ.Prof. Theodor Strobl, Ordinarius für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der TU München. Kennen Sie ihn und seine Herangehensweise?
Aulitzky: Ich kenne Prof. Strobl weder persönlich noch kenne ich irgendwelche wissenschaftliche Arbeiten von ihm.

Er ist ja auch offenbar eher ein Spezialist für Flussmittelläufe und Retentionsräume als einer für den hochalpinen Raum oder gar für Tirol im speziellen. Van Staa hat die Hochwasserkatastrophe vom vergangenen Sommer angesprochen. Dabei waren aber umgekehrt die Kraftwerksbauten, vor allem die Wasserfassungen als Verstärker der Katastrophe maßgeblich beteiligt. Oder wie sehen Sie die Ursachen der Zerstörungen z.B. im Paznaun, im Horlachtal oder im Sellrain? Sie haben sich das ja seinerzeit am Tatort Klein-Horlach bei Umhausen angeschaut.
Aulitzky: Es gab kein besonderes Naturereignis im Horlachtal. Die Bachläufe oberhalb der Wasserfassung sind völlig unversehrt. Unterhalb der Wasserfassung sieht man einen Geschiebewall. Der Schaden in Niederthai ist sicher nicht durch ein herausragend seltenes Niederschlagsereignis eingetreten, sondern hatte seine Ursache in der ungeschützten Lage der Wasserfassung unter dem Zusammenfluss zweier geschiebeführender Bäche.



Im Bild em. Univ.Prof. Dr. Herbert Aulitzky (links) mit em. Univ.Prof. Franz Fliri anläßlich der Begehung im Horlachtal bei Niederthai. Fliri sieht in der nunmehrigen Hochwasserpropaganda in erster Linie ein „kurzschlüssiges Argumentieren zwecks Förderung der Atomstrom-Pumpspeicher-Ideologie“.

Während LH van Staa und LR Steixner dem Speicher im Rofental den Vorzug geben, favorisiert die TIWAG - aufgrund leichterer Realisierbarkeit - offenbar Wasserfassungen an der Gurgler Ache und an der Venter Ache erst unterhalb der beiden Dörfer auf etwa 1800 Metern Seehöhe, von wo aus das Wasser in den Gepatschspeicher abgeleitet würde. Wäre das ein Hochwasserschutz fürs Ötztal und wäre die enorme Geschiebemenge der Gletscherbäche beherrschbar?
Aulitzky: Ich sehe keinen Unterschied in der ohnedies fragwürdigen oder selten eintretenden Schutzwirkung bei den vorgeschlagenen Lagen, weil keine bekannten Wildbäche im Zwischenbereich vorhanden sind. Die Frage der vom Gletscher freigegebenen Geschiebemengen wird sich als Folge des Gletscherrückzuges durch Klimaerwärmung in der Zukunft vermehrt stellen, weil Grund-und Seitenmoränenareale freigegeben werden.

Wie man weiß oder die TIWAG eben nicht weiß, bringt allein der Vernagtbach ca. 15 000 Tonnen schwebende Feststoffe pro Jahr und noch einmal soviel Geschiebefracht. Für das gesamte Rofental muß man nach den jahrzehntelangen Messreihen am Vernagtbach von der zehnfachen Menge ausgehen, demnach also von 300 000 Tonnen Material, das wären etwa zwanzigtausend LKW-Fuhren, jährlich! Das bliebe alles dort liegen bzw. ginge alles in den Stausee.
Aulitzky: Der bei den Gletscherbächen jährlich verläßlich eintretende und völlig schadlose Spüleffekt für anfallendes Geschiebe und Feststoffe geht völlig verloren, was zur grundsätzlichen und nachteiligen Veränderung des Gewässercharakters führt wie dies z. B. am Beispiel der Stubache nach 5O-jährigem Speicherbetrieb für das Kraftwerk Enzingerboden-Schneiderau festgestellt wurde. Im seinerzeitigen Sohlental der Stubache entwickelte sich trotz laufender Baggerungen ein ausbruchsgefährlicher Dammfluß. Entsprechende Schäden im Tal waren die Folge.

Was ist, wenn – wie in der anderen Variante – das ganze zusätzliche Wasser aus dem Ötztal direkt in den bestehenden Stausee im Kaunertal geleitet werden sollte?
Aulitzky: Da möchte ich darauf hinweisen, daß seinerzeit der linksufrige Einhang des Gepatschspeichers unmittelbar ober dem Damm ins Rutschen kam und zwar in einem Ausmaß, das man beim plötzlichen Einstoß in den gefüllten See als ein für Innsbruck gefährliches Katastrophenereignis ansehen mußte. Durch einen solchen Materialeinstoß ist seinerzeit ja die ganze Ortschaft Longarone im Piavetal zerstört worden. Es gibt ja auch andere eingetretene oder gerade noch verhinderte Großkatastrophen durch Speicherbauwerke, die vor allem auf unzutreffende Beurteilungen der Einhänge bei den Speichern zurückzuführen waren. Beispielsweise sei der Bruch der Stauanlage Malpasset in Frankreich erwähnt oder die Staumauerergänzung der hohen Sperre im Maltatal in Kärnten, die durch Kluftwasserbildung notwendig wurde und das nahe dem extremsten Erdbebengebiet in Österreich. Es ist also sicher eine opportunistische Vereinfachung, den Speicherbau nachgerade als Hochwasserschutz anzupreisen, wenn ganze Ortschaften zu Schaden kamen und Dauerprobleme der Ablagerung und Erosion erhalten bleiben, die sich jeder in Franzensfeste, in der Saalach, im Margaritzenspeicher und im Marchfeld anschauen kann.

Interessant ist, daß etwa im Ötztal, das jetzt offenbar jeden Tag knapp vor dem Untergang steht, seit 1987 buchstäblich nichts in Sachen Hochwasscherschutz gemacht worden ist. Im Gegenteil: in dieser Zeit sind, z.B. in Sölden, Liftbauten, Hotelbauten, Geschäftshäuser noch näher an die Ache herangebaut worden. Wie seriös ist diese Argumentation?
Aulitzky: Dazu kann ich nichts sagen, weil ich die jüngsten Arbeiten der Wildbachverbauung und des Wasserbaues nicht kenne. Aber über das jedem gesunden Hausverstand widersprechende Siedlungsgeschehen habe ich ja bereits etwas gesagt, was leider nicht nur für das Ötztal gilt. Insbesondere die Landeswasserbauverwaltung hat sich Jahrzehnte nach der gesetzlichen Begriffsfestlegung der Gefahrenzonen nicht darum gekümmert, siehe Beispiel der Gewerbezone in Wörgl, und hat erst vor kurzem mit Maßnahmen reagiert, obgleich schon im Wasserrecht 1947 die Festlegung der 25-jährigen Hochwasserbereiche im Kataster verlangt worden ist.



Überflutung von Sölden beim Sommerhochwasser 1987 mit dem Talquerschnitt des Sohlentales, das Jahrhunderte hindurch Bachstatt war und erst in den letzten Jahrzehnten schrankenlos und unverständig besiedelt wurde. (Aulitzky 1988)
(Bild anklicken -> vergrößern)


Was könnte heute wirklicher Hochwasserschutz für Sölden sein?
Aulitzky: Durch die Wegnahme der gesamten Bachstatt durch die Besiedelung des obersten natürlichen Hochwasserausbreitungsgebietes der Ötztaler Ache wird sich eine Reparaturstrategie für das neue Sölden sicher nicht einfach und billig entwerfen lassen. Ein zielführendes Projekt läßt sich nicht aus dem Ärmel schütteln. Die Erhöhung der Ufersicherung würde das seiner natürlichen Ausbreitung beraubte Hochwasser nur den Unterliegern weiterreichen. Bei den von der TIWAG vorgeschlagenen Speichern bleibt das Dauerproblem ihrer Verlandung und das des natürlichen Spüleffekts beraubten Gerinnes. Das Kanalsystem und die Keller mit ihren Maschinenanlagen und Vorräten müßten allenfalls inselartig hochwassersicher gemacht werden und anderes mehr. Auch ein teilweiser Rückbau wird trotz der Raumknappheit wohl nicht zu vermeiden sein, wie er inzwischen auch schon in anderen im Hochwassergebiet platzierten Siedlungen im Gange ist. Jeder Einzelschritt ist technisch, umweltverträglich und finanziell projektsgemäß abzuklären und darf nicht von einer einseitigen Sicht aus bestimmt werden.

4.8.2006

Interview mit Univ.Prof. Gernot Patzelt (2004):


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